Vom Lesen zum Leben mit Büchern

Portrait von Ingrid Brandner (Foto: © Sandra Fossalovara)

Von der DDR über Tschechien ins Waldviertel: Seit über 30 Jahren verbindet Ingrid Brandner ihre Leidenschaft für Bücher mit ihrer internationalen Lebensgeschichte. Schon als Kind entdeckte sie die Magie von Bibliotheken, studierte später „Wissenschaftliches Bibliothekswesen“ in Berlin und baute sich durch Lesen in drei Sprachen ein tiefes Verständnis für Literatur auf. Heute führt sie ein Antiquariat, das nicht nur Bücher verkauft, sondern auch Geschichten bewahrt – und Menschen zusammenbringt. Ihr Antiquariat ist mehr als ein Laden – es ist ein Ort der Begegnung, wo regionale Literatur, seltene Schätze und persönliche Geschichten aufeinandertreffen. Hier wird Lesen zum Erlebnis.

Wir haben Ingrid interviewt — lesen Sie im Anschluss das Interview.

Das Interview mit Ingrid Brandner

Sie wurden in der ehemaligen DDR geboren, lebten später in Tschechien und sind nun seit etwa 30 Jahren im Waldviertel zu Hause. Wie hat dieser internationale Werdegang Ihre Leidenschaft für Bücher geprägt?

Die Leidenschaft für Bücher wird einem wohl schon in die Wiege gelegt. Bei mir war es ganz bestimmt so. Ich konnte, dank älterer Geschwister, bereits vor dem Schulbeginn lesen und habe diese Fähigkeit schon sehr früh genutzt und daraus ist eine Leidenschaft geworden, die bis heute anhält. Ich bin 1952 in der DDR geboren und es gab dort schon damals sehr viele Kinderbibliotheken, wo ich ein regelmäßiger Gast war und ausgeliehen und gelesen habe, was die Bibliothekarin für mich heraussuchte. Mit 8 Jahren begann ich in der Bibliothek auszuhelfen. Ich war bei der Ausleihe dabei, beim Wiedereinsortieren, beim Reinigen, beim Stempeln. Und ich hatte die Möglichkeit, auch Bücher mitzunehmen, die eigentlich für ältere Kinder oder Jugendliche bestimmt waren. Ich entschied mich dann in der Folge auch etwas zu studieren, was mit Büchern zu tun hatte, ging nach Berlin und studierte „Wissenschaftliches Bibliothekswesen und Wissenschaftliche Information und Dokumentation“. Ich glaube, dieses Studium gibt es heute gar nicht mehr. Als ich später in die damalige Tschechoslowakei zog, wurde mir dieser Studienabschluss auch anerkannt und dadurch konnte ich in Bibliotheken arbeiten. Das Problem, dass ich die Sprache nicht sprach, kaum tschechische Autoren und Bücher kannte, bewältigte ich mit Lesen, lesen, lesen. Ich hatte fast immer gleichzeitig ein Werk in Deutsch und Tschechisch, manchmal auch Englisch, nebeneinander liegen und konnte so sehr gut die Wörter lernen. Für mich eine der besten Methoden, um eine Sprache zu lernen, ja zu verinnerlichen. Diese Zeit war sehr anstrengend und sehr intensiv, aber auch unheimlich spannend und interessant.
In Österreich erwartete mich Ähnliches. Auch hier kannte ich kaum die Schriftsteller und Autoren, die Literatur. Ich habe dann in der damaligen Stadtbibliothek, wunderbar geführt von Frau Herta Pichler, ehrenamtlich geholfen. Auch diese Zeit war sehr intensiv, da ich wieder sehr viel gelesen habe. Die Stadtbibliothek bot mir beste Grundlagen, sie war vielfältig und sehr sehr gut ausgestattet, so, wie ich es mir immer vorgestellt und gewünscht hatte. Selten habe ich eine besser geführte Bibliothek kennengelernt. Ich profitiere noch heute davon. Rückwirkend kann ich sagen, dass jede Länderstation immer eine eigene Dynamik hatte, die mich geformt und geprägt hat, aber die Leidenschaft war schon immer in meinem Leben, unabhängig von Land, Staat, Politik.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Bücherantiquariat im Waldviertel zu eröffnen? Gab es ein bestimmtes Buch oder Erlebnis, das den Ausschlag gegeben hat?

Nein, es hat kein bestimmtes Buch den Ausschlag gegeben, auch kein bestimmtes Erlebnis. Ich hatte eher schon lange den Traum, eine Bibliothek oder ein Antiquariat oder sogar Bibliothek und Antiquariat gleichzeitig zu haben. In Amaliendorf, wo ich damals wohnte, hatte ich es verwirklicht, umzugshalber musste ich es aber wieder aufgeben. Dem trauere ich noch heute nach. Mein Traum war, etwas einzurichten, wo ich meine Favoriten, meine Interessen, meine Vorstellungen von „guter Literatur“ zusammentragen und zugänglich machen konnte. Das fassen sie bitte nicht als hochmütig oder arrogant auf; ich vertrete absolut die Meinung, dass jedes Genre, jedes Buch seine Berechtigung hat und auch jeder Mensch lesen sollte, wohin ihn sein Interesse, seine Gemütsstimmung führt. Aber ich möchte mich nicht nur auf Liebe und Mord beschränken, es gibt so viele Dinge dazwischen, die es wert sind kennengelernt bzw. gelesen zu werden, auch wenn sie vielleicht nur wenige Leser finden. Die gegenwärtige Zeit ist so schnelllebig, dass dies zu Oberflächlichkeit, zu Hast und Gleichgültigkeit führen kann. So ist es immer gut, innezuhalten, bei guter Lektüre Luft zu holen und abzutauchen.

Ihr Antiquariat bietet regionale Literatur vom 18. Jahrhundert bis heute an. Welches Buch aus Ihrer Sammlung hat Sie am meisten überrascht oder berührt – und warum?

Ja, ich biete Regionalliteratur an, habe aber nur ein oder zwei Bücher aus dem 18. Jahrhundert. Sie fragen, ob und welches Buch aus meiner Sammlung der Regionalliteratur mich besonders berührt oder überrascht hätte. Nein, etwas Bestimmtes nicht. Aber da ich als Deutsche mehr als mein halbes Leben in der Tschechoslowakei und in Österreich in Grenzregionen gelebt habe und noch lebe, interessieren mich die Geschichten dieser Regionen und die Geschichten der Menschen, die dort leben und gelebt haben. So mag ich Biographien, Zeitzeugenberichte, Tatsachenberichte aus Vergangenheit und aus Gegenwart. Ich habe oftmals gedolmetscht, besonders in der Zeit der Grenzöffnung, als ehemalige Bewohner der Regionen in ihre Geburtsorte kamen, um Erinnerungen aufzufrischen, um ihren Kindern zu zeigen, wo sie geboren und aufgewachsen sind. Und habe viele Berichte und Erzählungen gehört. So kann ich sagen… Regionalliteratur zieht mich wie ein Magnet an. Und ich hoffe auch, dass viele, besonders junge Menschen ins Antiquariat kommen, um diese Bücher zu lesen, um zu erfahren, wie früher hier gelebt wurde, was es für Charakteristika gibt, was ihre Region so einmalig und außerordentlich macht.

Wie wählen Sie die Bücher für Ihr Antiquariat aus? Gibt es bestimmte Kriterien, nach denen Sie suchen, oder folgen Sie eher Ihrem Bauchgefühl?

Wie oben schon erwähnt, wollte ich immer schon eine Bibliothek/ Antiquariat eröffnen, wo ich Literatur anbiete, die meinem Geschmack, meinen Vorlieben, meinen Ansprüchen an gute Literatur entsprechen. Das Antiquariat hier ist noch sehr sehr jung, der Bestand wird erst aufgebaut. In den Regalen finden sich Bücher aus fast allen Genres, natürlich auch Bücher, die nicht immer auch meinem Interesse entsprechen. Ich bemühe mich, eine breite Palette an den verschiedensten Themen anzubieten. Ich denke mir, dass sich ein Bestand, die Auswahl der Bücher erst mit der Zeit entwickeln, herauskristallisieren wird. Ich werde erst langsam das Interesse potentieller Kunden erkunden müssen. Jetzt habe ich aber bereits festgestellt, dass die meisten Bücher, die erfragt, gekauft werden aus der Regionalliteratur stammen. Also werde ich mich bemühen, hier einen guten stabilen Bestand aufzubauen. Ansonsten folge ich Bauchgefühl, Erfahrungen aus der Arbeit in der Stadtbibliothek, Gesprächen, Literatursendungen usw. Ein guter Anhaltspunkt sind auch die Bücher, die wir durch die Bücherrettung erhalten haben. Welche Themen waren sehr oft vertreten und so. Alter der Bücher oder Bewerbung sind für mich persönlich nicht so ausschlaggebend, wie Schreibstil, Themenaktualität, gute Illustrationen, auch wunderschöne handwerklich einmalige Bucheinbände, also Ästhetik. All das macht ein gutes wertvolles Buch für mich aus und lässt mich entscheiden, ob es in das Regal kommt oder nicht.

Sie bieten nicht nur den Kauf, sondern auch das Ausleihen und Lesen vor Ort an. Was hat Sie dazu bewegt, diesen besonderen Service anzubieten?

In Amaliendorf hatte ich genug Platz- und Bücherkapazitäten, dass ich Bibliothek und Antiquariat hätte anbieten können. Wie schon oben beschrieben, zwangen mich familiäre gesundheitliche Gründe zu einem Umzug, sodass ich diesen Traum nicht realisieren konnte. Aber der Traum besteht weiter. Ich möchte einen Platz, einen Raum schaffen, wo sich Menschen treffen können, um Bücher zu kaufen, zu bestellen, zu suchen, darin zu lesen, zu studieren, sich zu informieren. Manche Menschen können sich einfach nicht alle Bücher, die sie brauchen, möchten, sich wünschen auch neu kaufen. So können sie hier eventuell auch ausleihen, hier vor Ort lernen, lesen, studieren. Ich habe auch viele Quellen, wo ich recherchieren, suchen kann. Also biete ich auch diesen Service an. Ich kann Bücher folieren. Was ich leider nicht kann ist Bücher zu restaurieren, zu reparieren oder auch nur hübsch zu verpacken :(. Vielleicht organisiere ich einmal einen Kurs oder ein Seminar, um dies zu lernen. Kurz, ich mag es, wenn Menschen, die das Lesen, die Bücher verbindet hier zusammenkommen können, um sich auszutauschen, zu stöbern, zu lernen.

Gibt es ein besonders seltenes oder wertvolles Buch in Ihrer Sammlung, das Sie unseren Lesern vorstellen möchten? Was macht es so besonders?

Ja, sicher gibt es einige Bücher, die dies verdienen würden, aber es fällt mir nicht leicht, eines hervorzuheben. Vielleicht kann ich das älteste Buch in meiner Sammlung erwähnen. Es ist von 1717, hat zwar ein, für mich weniger interessantes Thema, nämlich „Mathematische Wissenschaften“, aber mich fasziniert nicht nur das Alter, aber auch das Schriftbild, die alte Sprache, die gesamte Aufmachung mit Illustrationen und Zeichnungen. Allerdings ist der Zustand sehr schlecht, der Zahn der Zeit halt. Ich kann den Wert nur erahnen, ich bin kein Fachmann dafür. In der Internetrecherche habe ich zwar spätere Ausgaben dieses Buches gefunden, aber eben keines aus konkret diesem Jahr. Ein anderes Buch stammt aus dem Jahr 1895, wurde von Carl Costa (1832-1907), einem österreichischen Beamten, Volksdichter und Librettisten, verfasst und als Manuskript gedruckt. Inhalt sind 2 Volksstücke mit Gesang, von eben diesem Carl Costa, für die Musik verantwortlich wird Max von Weinzierl angeführt. Geschrieben steht, dass diese Stücke im Wiener Raimund-Theater im Jahr 1894 mit Erfolg aufgeführt worden sind. Besonders wertvoll machen dieses Buch, meiner Meinung nach, zwei Widmungen bzw. Danksagungen von Costa 1897, die handschriftlich sind. Auch bei diesem Buch konnte ich bis heute keinerlei Eintragungen oder Informationen bei meiner Internetrecherche finden. Auch eine Anfrage beim Dorotheum war bisher ohne Ergebnis. So gäbe es noch eine Reihe anderer Exemplare, die es verdient hätten vorgestellt zu werden, aber das würde diesen Rahmen hier sprengen.

Wie reagieren Ihre Kunden, wenn sie zum ersten Mal Ihr Antiquariat betreten? Gibt es ein bestimmtes Buch oder eine bestimmte Geschichte, die sie besonders fasziniert?

Das Antiquariat ist noch sehr jung, besteht erst seit dem Sommer. In der großen Räumlichkeit, in der sich das Antiquariat befindet, sind auch 11 andere Einzelfirmen vertreten, durch Schaufenstergestaltung mit ihren Produkten und Platznutzung z.B. als Bürofläche. Betritt nun ein Kunde den Raum, trifft er nicht nur auf Bücher, sondern auch auf Schmuck, Pflanzen, Kosmetikprodukte, Hanfprodukte. Das ruft bei den Kunden Verwirrung, Unsicherheit, eine Art „Schwellenangst“ hervor. Durch Gespräche versuchen wir diese Schwellenangst zu nehmen. Der Kunde bekommt eine kurze Einführung in dieses Projekt, wir beantworten Fragen, die Kunden können sich setzen, wenn sie möchten Kaffee trinken, kurz sich langsam eingewöhnen. Allgemein aber kommen die Kunden mit ganz bestimmten Wünschen oder Vorstellungen von dem, was sie suchen, was sie möchten. Habe ich dieses Buch nicht im Bestand, dann kann ich es suchen und bestellen.

Sie nehmen auch Bücherspenden an. Gab es schon einmal eine Spende, die Sie besonders gefreut oder überrascht hat?

Ja, das geschieht recht oft. Ich sage immer, dass in jeder Bücherspende mindestens eine „Perle“ versteckt ist. Als wir die Idee, ein Bücherantiquariat zu eröffnen hatten, haben wir der Bevölkerung eine Bücherrettungsaktion angeboten, auch in einer „anonymen Bücherklappe“. Das Ergebnis war überwältigend, was die Anzahl und die Qualität anbelangt. Aber auch die Bandbreite der Genres. Zu jedem Thema kann ich nun Bücher in die Regale stellen, um neue Leser, neue Liebhaber zu finden. Ein Herr, der umzugshalber seinen Buchbestand drastisch reduzieren musste und das mit Tränen in den Augen, brachte ca. 15 Umzugskartons voll mit den schönsten, interessantesten und vielfältigsten Themen. Schon allein mit diesen Büchern hätte ich die Grundlage des Antiquariats legen können. Und es folgen immer noch weitere. Erst vor ein paar Tagen wurden 3 Pakete geliefert, an die „Bücherklappe“ adressiert, voll mit teilweise sehr alten und wertvollen Gesangs- und Gebetsbüchern aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Was raten Sie Menschen, die sich für alte Bücher interessieren, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen? Gibt es ein bestimmtes Buch oder eine bestimmte Epoche, die Sie als Einstieg empfehlen?

Was ich rate. Eigentlich nichts. Die Menschen sollen sich nach ihren Interessen, ihrem Bauchgefühl richten. Welches Thema interessiert gerade, welche Probleme wollen gelöst werden, welcher Schreibstil liegt ihnen, sie können mich alles fragen und dann kann ich beratend da sein. Meist kommen die Kunden aber mit bestimmten Vorstellungen, dann kann ich beim Suchen helfen. Ich begrüße die Kunden, sage ihnen kurz, wo sie was finden, erkundige mich ob sie bestimmte Bücher suchen oder sonstige Fragen haben. Und dann lasse ich sie in Ruhe. Sie können stöbern so lange sie wollen, sie können sich einlesen. Bei Kindern ist es etwas anders. Da unterhalte ich mich schon mit ihnen, um zu erfahren, was sie interessiert, wie ihr Leseverhalten-, ihre Lesefähigkeit ist, welche Hobbys oder auch Probleme sie haben. Als ich Kind war, habe ich absolut selbständig meine Lektüre ausgesucht, mich in eine Ecke verzogen und bin in die jeweilige Buchwelt abgetaucht. Das hat meine Mama teilweise zur Verzweiflung gebracht, da ich kaum ansprechbar war und nicht willens abzubrechen für irgendeine Hausarbeit oder zum Spielen draußen. Sicher kennen das viele Eltern.

Wie sieht Ihr perfekter Tag im Antiquariat aus? Gibt es Rituale oder Momente, die Sie besonders schätzen?

Hmmm, ich liebe es, wenn ich schon eine Stunde vor den anderen ungestört im Geschäft den Tag beginnen kann. In aller Ruhe erledige ich erst die alltäglich anfallenden Tätigkeiten wie alle Türen öffnen, Licht einschalten, aufräumen, Computer starten, Blumen gießen usw. Nichts aufregendes, aber so beruhigend. Dann ordne ich, zu Hause bereits katalogisierte, Bücher in die Regale, schlichte um, sortiere. Einige Bücher muss ich reinigen, fange an, zu katalogisieren. Manchmal gehe ich einfach die Regale entlang, nehme das eine oder andere Buch in die Hand, fange an zu lesen, was manchmal zum „Festlesen“ führt und erst aufhört, wenn jemand eintritt. In solchen Momenten bin ich glücklich. Ich kann so viel entdecken, so viel lernen. Glücklich bin ich auch, wenn jemand das Antiquariat betritt, Zeit mitbringt, auch für ein interessantes Gespräch, und wenn er dann mit einem gefundenen Buch neugierig und mit Erwartung das Geschäft wieder verlässt. Ein gebrauchtes Buch, welches eventuell entsorgt worden wäre, einem neuen Besitzer zu vermitteln ist sehr befriedigend.

Was inspiriert Sie aktuell in Ihrer Arbeit? Gibt es neue Bücher oder literarische Trends, die Sie besonders begeistern?

Meine Inspiration ist, die Bücher, die ich allgemein sehr schätze, wieder neu zu vermitteln… in ein neues wertschätzendes Zuhause. Hört sich vielleicht pathetisch an, aber für mich ist es so. Ich wertschätze damit nicht nur das Buch, sondern auch den Autor, Fotografen, Dichter. Sollte ich ein bestimmtes Buch nicht im Bestand haben, dann habe ich verschiedene Möglichkeiten und Kanäle, um dieses eine Buch zu suchen. Vor allem in anderen Antiquariaten, auch wenn der Preis vielleicht auch etwas höher ausfallen sollte, als wenn ich bei großen Anbietern kaufe, die en Gros an- und verkaufen. Dort sehe ich eben die Wertschätzung nicht, naiv? Ja, auch das vielleicht.
Literarische Trends beobachte ich kaum. Ich habe keine Bibliothek und keine Buchhandlung, die darauf Wert legen müssen. Außerdem gefallen mir manche hochgelobte Autoren der Gegenwart gar nicht einmal so. Ich möchte mit Freude und Spaß, mit Neugierde und Spannung ein Buch lesen, mich nicht durch durch ein Buch „quälen“ müssen, nur weil es on top ist. Ich möchte die Freiheit haben, mich mit einem bestimmten Autoren, mit einem bestimmten Thema zu beschäftigen, ohne durch diese meine Meinung in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden.

Warum haben Sie sich entschieden, Ihr Bücherantiquariat bei Waldviertel Exklusiv zu präsentieren? Was schätzen Sie besonders an dieser Zusammenarbeit?

Waldviertel Exklusiv war ja vorher die Kunstakademie Heidenreichstein auf der Margithöhe. Ein tolles Projekt, in welchem Frau Dr. Nina Hlava Kultur und Bildung für alle anbot. Mir und meinen paar tausend Büchern bot sie Unterschlupf, eine neue Heimat. Ihr Traum war eine exklusive Bibliothek für alle… ich hatte sie. Eine tolle Zeit war das. Wunderbare Veranstaltungen, Lesungen, Abende, Vorträge und Seminare und Kurse gab es. Leider endete das Projekt aus Gründen, die ich hier nicht anführen möchte, bereits nach wenigen Jahren. Aber Nina Hlava gab nicht auf, sie initierte das gleiche Angebot in einer Online-Plattform. Auch einen Online-Shop gab (und gibt es immer noch), wo Bücher angeboten und verkauft werden. Sie verwirklichte ihren Traum auch weiterhin. Als uns Anfang 2025 eine, ich sage mal, Renaissance des Buches im Online-Buchgeschäft aufgefallen ist, war das wohl der Startimpuls für die nachfolgende Idee mit Waldviertel Exklusiv und einem Space Sharing oder Co-Working-Projekt zu beginnen. Das heißt, dass in einem Ladengeschäft in der Schremser Straße in Heidenreichstein mehrere Einzelfirmen (ich glaube, es sind mittlerweile 11 Firmen) begannen, ihre Produkte und Dienstleistungen anzubieten und sich auch gegenseitig zu vertreten. So finden die Menschen dort nicht nur mein Antiquariat, sondern auch Bioresonanz und Hanfprodukte, Trinkwassertestungen, Kosmetik, Schmuckvarianten, sie können sich werbestrategisch beraten und vertreten oder ihren Internetauftritt gestalten lassen, seltene Pflanzen kaufen, Horoskope erstellen oder in Feng Shui unterrichten lassen, sie finden fast alle Seminare und Kurse von der ehemaligen Kunstakademie wieder oder ein Wohlfühl- oder Trainungsprogramm für ihren geliebten Vierbeiner. Der Platz reicht gar nicht aus, um alles zu erwähnen oder zu beschreiben. Dieser Enthusiasmus, diese Gemeinschaft, ja Freundschaft, schätze ich sehr an Waldviertel Exklusiv und bin froh, dabei sein zu können.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, um Ihr Antiquariat noch besser zu machen – was wäre das?

Eigentlich nur einen einzigen Wunsch… mehr Platz! Mehr Platz z.B. für Kinderliteratur, obwohl die ja auch in den Bibliotheken und Schulbibliotheken sehr gut vertreten wird. Leider ist dieser eine Wunsch aus Platzgründen nicht erfüllbar, die Fläche ist gegeben. Ein „Ersatz“wunsch wäre ein trockener Lagerplatz für die Unmengen an Büchern, die wir erhalten haben, und nur unter sehr ungenügenden Bedingungen lagern können, denn sie sind nur wenig vor den Wettereinflüssen geschützt. Schön wäre es auch, wenn das Antiquariat gut besucht werden würde, viele Menschen hereinkommen und auch zufrieden wieder mit einem oder mehreren Büchern hinaus gehen oder auch nur, um gute Gespräche zu führen oder einfach, um einen Kaffee oder Tee zu trinken.

Gibt es ein Missverständnis über alte Bücher oder Antiquariate, das Sie gerne ausräumen würden?

Ich habe in allen drei Ländern, in denen ich gelebt und gearbeitet habe, immer Antiquariate gesucht und gefunden, wo ich mich gut und heimisch gefühlt habe. Wenn jemand meint, dass Bücher oder Antiquariate unangenehm riechen, dann kann ich das nicht bestätigen. Kommen Sie in mein Antiquariat und sie werden nichts dergleichen finden. Es gibt Mittel und Wege gegen Geruch etwas zu tun. Ich nehme jedes Buch, bevor es in das Regal gestellt wird, in die Hand, reinige es mit den mir bekannten Mitteln äußerlich, gegen Geruch kann man etwas tun, begrenzt auch gegen Schimmelbefall. Dieser tritt halt durch Feuchtigkeit auf, wenn eine schlechte Lüftung besteht, da sind mir Grenzen gesetzt. Ansonsten habe ich einen Grundsatz… ich gebe keine Bücher weiter, die Schimmelbefall aufweisen, den ich nicht beseitigen kann bzw. wenn er sich bereits im ganzen Buch oder an unzugänglichen Stellen, wie der Bindung, befindet.

Wie würden Sie einem Kind erklären, warum alte Bücher so besonders sind?

Kinder merken sehr schnell, wie man selbst mit Büchern umgeht, ob mit Respekt, Vorsicht, Sorgfalt. Mein 5jähriger Enkel hat ein sehr intensives Verhältnis zu Büchern, man sieht diesen Büchern kaum an, dass ein Kind sie in den Händen hatte, darin geblättert hat. Und das hat er tatsächlich von Anfang an getan. Auch habe ich ihm gesagt, dass es schon tolle Bücher gab, als ich noch sehr klein war oder seine Eltern oder seine vielen Onkel. Auch Uroma und Uropa als sie noch klein waren. Und dass auch ich mich sehr freue, wenn ich solche Bücher in die Hand nehmen kann, darin lesen, blättern und lernen kann. Meist hatten sie schöne Illustrationen, die noch kindgerecht waren, die auch ich mir noch gern ansehe. Und dass ich sehr sehr froh bin, dass niemand diese Bücher weggeworfen hat, und ich jetzt noch sehen kann, was es alles gab damals oder auch nicht, wie die Menschen gelebt haben. Er ist zwar noch klein, aber man sollte die Fähigkeiten von Kindern keineswegs unterschätzen, wie sie mit solchen Informationen umgehen. Und ich lehne mich jetzt einmal provokativ sehr weit aus dem Fenster und behaupte, dass man sehr schnell feststellen kann, ob ein Kind wirklich liest. Sei es an der Ausdrucksweise, am Wortschatz, am Allgemeinwissen oder einfach nur an der Art und Weise, wie sie mit Büchern umgehen.

Gibt es ein Buch, das Sie selbst gerne in Ihrer Sammlung hätten, aber bisher noch nicht gefunden haben?

Ich glaube — nein. Wenn ich ein Buch lesen, verschenken oder einfach in meinem Bestand haben wollte, dann habe ich es auch in den meisten Fällen irgendwo auftreiben können. Geduldsproben bei der Beschaffung gab es schon eher. Ich habe nach vielen Jahren versucht, Kinderbücher aus der ehemaligen DDR wieder aufzutreiben. Ich wollte sie unbedingt haben, weil sie, besonders auch wegen der wunderbaren Illustrationen, sehr bekannt waren und das nicht nur in der DDR. Illustrationen machen die Figuren, die Geschichten erst lebendig, wie z.B. Stier Ferdinand von Munroe Leaf, aber nur mit den Illustrationen von Werner Klemke. Das kostete mich damals viel Mühe, Zeit und… leider auch Geld.

Wie hat sich Ihr Blick auf Bücher verändert, seit Sie in verschiedenen Ländern gelebt haben?

Bücher waren und sind, egal, wo ich lebe, wo ich mich befinde, sehr sehr wichtig. Besonders waren immer nur die politischen Umstände, unter denen ich Bücher gesucht, gefunden, gekauft und letztendlich gelesen habe. In der DDR gab es manche nur unter dem Ladentisch, durch Beziehungen, durch einen bestimmten Beruf. Gut hatte es jemand, der in einer Buchhandlung arbeitete oder wenigstens jemanden dort kannte. Oder so, wie ich, ein Studium absolvierte, welches ermöglichte an Bücher zu gelangen, wie z.B. an Erstdrucke oder Fehldrucke o.ä. Ich hatte eigentlich immer genug Bücher zuhause, habe gelesen, gelesen, gelesen.
In Tschechien habe ich viel Belletristik gelesen, hauptsächlich auch, um die Sprache zu lernen. Aber auch in der damaligen CSSR gab es Bücher, die man nicht kaufen konnte, z.B. die sogenannte Dissidenten-Literatur. Es konnte passieren, dass man zum Telefonieren in eine Telefonzelle ging und dort ein selbst vervielfältigtes oder handschriftlich abgeschriebenes Exemplar fand.
In Österreich musste ich mich erst an das vielfältige Buchangebot gewöhnen. Auch hier habe ich in jeder freien Minute gelesen, alles habe ich regelrecht verschlungen, besonders die Bücher, die es in der DDR oder auch in der Tschechoslowakei nicht gab, z.B. esoterische, spirituelle Literatur. Jede Zeit und jedes Land hat in und bei mir Spuren hinterlassen und mich in gewisser Weise auch geformt.

Was war das ungewöhnlichste oder überraschendste Erlebnis, das Sie in Ihrem Antiquariat hatten?

Damit kann ich noch nicht dienen. Das Antiquariat ist noch jung und so ist jeder Kunde, der das Geschäft betritt, einzigartig und verdient meine Aufmerksamkeit, Zeit und Erfahrung. Ich weiß beileibe nicht alles, und obwohl ich den Hauptteil meines Lebens mit Büchern verbracht habe, ein fatal schlechtes Namensgedächtnis was Autoren und Titel anbelangt, ich bin nicht mehr auf dem aktuellen neuesten Stand der gegenwärtig angebotenen Literatur. Aber… es gibt immer Mittel und Wege, etwas, was ich nicht weiß, in Erfahrung zu bringen.

Wenn Sie eine Frage an unsere Leser hätten – welche wäre das?

Ich würde jeden fragen, warum gehen Sie nicht öfter in Bibliotheken, Buchhandlungen oder eben Antiquariate. Hier gibt es Lesestoff, Zeitvertreib, Bildungsmöglichkeiten, Informationen, Entspannung und so vieles mehr. Ich könnte mir z.B. kein schöneres Geschenk wünschen als ein Buch. Machen Sie auch Ihren Kindern und Enkelkindern, Freunden, Verwandten solch eine Freude, durch ein Buchgeschenk.

Was bedeutet für Sie ‚Bücherliebe‘ – und wie leben Sie sie in Ihrem Alltag?

Bücherliebe. Bücher sind meine Inspiration, meine Hauptquelle, um mich „auf die Reise“ zu begeben. An unbekannte Orte, in andere Zeiten, zu fremden Nationen, zu bestimmten Ereignissen, kurz in Bereiche, die ich sonst nicht oder kaum betreten könnte. Und jedes Buch verdient meine Achtung und Wertschätzung und Sorgfalt und damit auch der Autor, Fotograf, Illustrator, Buchbinder, kurz alle, die solch ein Buch ermöglicht haben. Und meine Bücherliebe zeige ich nicht dadurch, dass ich Bücher nur als Deko auf- und ausstelle, sondern auch dadurch, dass ich sie lese, pfleglich behandle, weitergebe.

Lernen Sie die Menschen hinter Waldviertel Exklusiv kennen!